Fake News – Eine (un)berechenbare Gefahr?

Mittlerweile können Menschen durch Blogs, Twitter und Facebook selbst zum Bürger-Journalisten werden indem sie Erlebtes nach eigenem Ermessen verbreiten und dabei selbst entscheiden können, was sie ihrem Publikum vorenthalten oder veröffentlichen. Die publizistische Wirkungsweise der „Gatekeeper“ wird dabei zunehmends außer Kraft gesetzt, wodurch wir uns immer mehr von dem Monopol der klassischen Medien verabschieden, das uns bislang die Welt und ihre Geschehnisse gefiltert und journalistisch aufgearbeitet ins Wohnzimmer geliefert hat. Die modernen Publikationsmöglichkeiten im Internet, besonders Blogs tragen dazu bei, dass Bürger durch eigene Medien am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen können. Damit wird die „Einbahnstraße“ und die damit zusammenhängende „Hierarchie“ zwischen Medium und Rezipient aufgelöst womit eine Interaktion zwischen beiden Seiten entsteht kann.

In Zeiten in denen im Netz ein Kampf um die Meinungshoheit entbrannt ist und frei erfundene Nachrichten, sogenannte „Fake News“ die globale Polit- und Finanzwelt aufmischen können, müssen wir uns allerdings der Gefahr der Verbreitung von Falschmeldungen bewusster werden. Ob nun falsche Social-Media Profile, falsche Websites die wie täuschend-echte Nachrichtenseiten aussehen, Social Bots die je nach Programmierung eigenständig Postings verfassen oder auch nur Bilder die in einen anderen Kontext gebracht werden, um ein falsches Szenario entstehen zu lassen. Einige nutzen auch persönliche Erzählungen, die ihnen angeblich von Freunden oder Bekannten zugetragen wurden. Eine andere Technik ist, einen erfundenen Tatbestand  bei der Polizei zu melden, welcher dann durch eine Pressemitteilung verbreitet wird. Oftmals handelt es sich dabei um Themen die in der Bevölkerung für viel Unmut und Empörung sorgen und ein gewisses Maß an Aktualität aufweisen.

Um Beispiele zu nennen: Unter dem Schlagwort „Pizzagate“ wurde im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2016 die falsche Behauptung gestreut, im Keller einer Pizzeria in Washington, D.C. agiere ein Kinderpornoring. Dem Gerücht wurde rasch die Grundlage entzogen. Doch die Verschwörungstheorie hielt sich so hartnäckig, dass ein junger Mann, bewaffnet mit einem Sturmgewehr mehrere Stunden nach Washington fuhr und dort in die Pizzeria stürmte um die gequälten Kinder aus ihrer Not zu befreien. Nach 45 Minuten konnte die Polizei den Mann verhaften. In seiner Vernehmung gab er an, er habe „Pizzagate“ persönlich untersuchen wollen.

Ein weiteres Beispiel für die Verbreitung von falschen Nachrichten ist folgendes Bild, welche im US-Präsidentschaftswahlkampf sehr oft verbreitet wurde. Behauptet wurde, dass Donald Trump 1998 in einem Interview mit dem People Magazine folgende Worte gesagt haben soll: „Wenn ich antrete, dann als Republikaner. Sie sind die dümmste Wählergruppe im Land. Sie glauben alles auf Fox News. Ich könnte lügen und sie würden es immer noch glauben. Ich wette meine Ergebnisse wären unglaublich.“ 

Als „Factcheck.org“ allerdings mit dem Einsender Kontakt aufgenommen hat, meinte dieser dazu: „Das zeigt wieder einmal, dass nicht alles bei Facebook die in Stein gemeißelte Wahrheit sei und, dass man seine Quellen immer überprüfen sollte.“ Daraufhin hat das People Magazine seine eigenen Archive durchforstet, konnte jedoch weder besagtes Zitat noch sonst ein Interview mit Donald Trump von 1998 finden. Ziemlich schnell wurde klar, dass es sich dabei um einen Fake handelt.

Weitere Fake News Beispiele aus dem Jahr 2016 die in den Sozialen Medien große Aufmerksamkeit erhalten haben, sind:

  • Obama unterzeichnet Dekret, um das Verlesen des amerikanischen Treueschwurs in Schulen zu verbieten
  • Papst Franziskus schockt die Welt, unterstützt Donald Trump als Präsident, veröffentlicht Statement
  • Ein Asylant mit sechs Kindern bekommt im Monat fürs Nichtstun 3.355,96 Euro. Während ein heimischer Facharbeiter in Österreich mit drei Kindern von 1.671,04 Euro leben muss.
  • Polizei findet Leiche von 19 weißen Frauen in Tiefkühltruhen, denen “Black Lives Matter” in die Haut geritzt wurde

Diese Beispiele verdeutlichen, welch gefährliche Folgen und Eigendynamik Fake News Kampagnen entwickeln können, denn Fake News sind zu einem mächtigen politischen Mittel geworden – und die Logik des Netzes verstärkt ihre Wirkung: Wenn diese Meldungen mehrere tausend Mal angeklickt werden, erscheinen sie weit oben auf der Google-Such-Liste oder auf unserer Facebook-Timeline. Die sozialen Netzwerke sortieren dabei unsere Vorlieben mittels Algorithmen streng nach voneinander abgeschotteten Blasen in denen wir mit Gleichgesinnten in unserer Haltung bestärkt werden. Ein Meinungsaustausch mit anderen Ansichten und Meinungen findet in unserer Social Media Blase kaum mehr statt. Menschen bilden in der Unendlichkeit des Internets Gemeinschaften, die sie für bestimmte Gedankengänge blind machen. Das Gegenüber wird von Zeit zu Zeit als feindselig betrachtet womit deren Meinungen und Ansichten als Bedrohung empfunden werden. Um sich vor dem „Falschen“ zu verteidigen, legen sich Menschen Begründungen so zurecht, dass sie Andersdenkende mit unterschiedlichen Ansichten und Meinungen nicht mehr ernst nehmen. Begegnet man dann Menschen mit Informationen, die nicht ihrem Weltbild entsprechen, entwickeln sie eine Reaktanz. Diese entsteht meist dann, wenn Menschen den Eindruck haben, dass sie in ihrer Freiheit eingeschränkt werden und man sie von etwas überzeugen möchte.

Hinzu kommt, dass eine immer größere Anzahl von Menschen in westlichen Demokratien dem was in den Medien berichtet wird immer skeptischer gegenüber stehen und den Wahrheitsgehalt der Inhalte von traditionellen und etablierten Medien anzweifeln. Grundsätzlich ist eine kritische Haltung gegenüber Medien und ihren Inhalten nichts Negatives. Problematisch wird es allerdings, wenn sich bestimmte Gruppen mit Aussagen wie: „Vertraut ihnen nicht, denn wir sind diejenigen, die die richtigen Informationen liefern“ an die Öffentlichkeit wenden und Kampfbegriffe verwenden wie „Lügenpropaganda“ oder „Lügenpresse“, womit versucht wird Medien insgesamt zu diskreditieren und deren Glaubwürdigkeit zu untergraben.

In diesem Kontext werden Fake News sehr oft von politischen Bewegungen und Parteien genutzt, um dadurch die Stimmung gegen die politische Konkurrenz aufzuheizen. Hinter solchen Fake News müssen wie oft behauptet, nicht zwangsweise Ideologen aus dem rechten oder linken Lager stecken. Oft geht es auch nur ausschließlich um ökonomische Gründe um mit der Wut und Unzufriedenheit der Menschen Geld zu verdienen. Doch die Auswirkungen der Verbreitung von Fake News sind verheerend. Das politische und gesellschaftliche Klima wird dadurch vergiftet indem emotionsgeladene Falschinformationen die Menschen verängstigen. Das Spiel mit der Angst führt dazu, dass Differenzen immer öfter zu Feindschaften werden, während immer weniger Menschen in der Lage sind die Argumente des Gegenübers zu verstehen.

Damit sich Menschen bereit erklären bestimmte Medien zu konsumieren und deren Inhalt als glaubhaft einzustufen, benötigt es ein Mindestmaß an Vertrauen. Doch besonders in wirtschaftlich schwierigen Zeiten in denen Menschen ihre Jobs, ihren sozialen Status oder ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben und sich als „Globalisierungsverlierer“ betrachten, orientieren sie sich bedingt durch ihre Unzufriedenheit an Medien die mit dem aktuellen System abrechnen. Diese allgemeine Verunsicherung führt dazu, dass viele Menschen eine Orientierungslosigkeit verspüren und sich nur noch in ihren Netzwerken und Social-Media Blasen bewegen und dort austauschen. Eine starke Polarisierung ist die Folge, in der sich jede Seite als einziger Vertreter der Wahrheit positioniert und die andere Seite als „Lügner“ abstempelt. Eine solche Denkweise erlaubt nur eine Sicht der Welt, da sich Gruppen entlang von „richtig“ und „falsch“, „gut“ und „böse“ formieren, in welcher Normen und Werte als absolut gelten und schlussendlich keine Differenzierungen mehr zulassen.

Durch die technologische Entwicklung, wodurch jeder Nutzer Nachrichten verbreiten kann, steigt die Anzahl der Informationen die wir wahrnehmen ins Unermessliche. Wenn es aufgrund der Informationsflut zu einer Überschreitung der kognitiven Ressourcen kommt, fehlen die Ressourcen um die unterschiedlichen Ansichten und Meinung zu hinterfragen, weil die Verarbeitungsintensität aufgrund der großen Informationsflut verringert wird. Wenn also kognitive Ressourcen (und zusätzlich noch Zeit oder Motivation) nicht vorhanden sind, bewerten wir Ereignisse nicht anhand von Fakten und Tatsachen, sondern anhand von Erfahrungen, unserer verzerrten Wahrnehmung und Ängsten.

Hinzu kommt, dass uns sachliche und informationslastige Nachrichten deutlich schwieriger erreichen als emotionsgeladene Informationen, da Emotionen bei vielen Entscheidungen oft eine wichtigere Rolle einnehmen als trockene Fakten und Zahlen. Dies erklärt auch warum wir uns Geschichten einfacher merken können als Zahlen, Daten und Fakten. Wird ein Erlebnis anhand von Daten und Zahlen erläutert, haben wir größere Probleme uns diese Zahlen einzuprägen und langfristig abzuspeichern als wenn wir sie beispielsweise auf eine narrative Weise als Geschichte erzählt bekommen. Um hierzu ein Beispiel aus dem politischen Alltag zu nennen: Ein Grund weshalb sich Politiker besonders in Wahlkämpfen oft auf (fiktive) Persönlichkeiten beziehen (Otto Normalverbraucher, Joe the Plumber) liegt darin begründet, dass sie auf diese Weise versuchen ihre Botschaften schneller an den Wähler zu bringen. Das Ziel ist die eigene Botschaft in die Köpfe der Bevölkerung einzupflanzen. Botschaften die hingegen auf der reinen Aufzählung von Daten und Zahlen beruhen, speichern sich nicht lange in den Köpfen der Menschen ab, da sie keine inneren Bilder erzeugen können, womit auch der persuasive Effekt ausbleibt.

Mit Emotionen sind wir also leichter zu erreichen indem Geschichten bei uns innere Erlebnisbilder entstehen lassen können. Sie können Botschaften durch Emotionen in kurzer Zeit vermittelt und benötigen nicht viel Zeit für Erklärungen, da sie als „Schnellschüsse ins Gehirn“ ihr Ziel deutlich schneller erreichen. Kurz gesagt, überlegen Menschen weniger-intensiv über Nachrichten und Botschaften, wenn sie 1.) kognitiv überfordert sind und 2.) emotional erregt werden wodurch sie unkritischer werden. Um hierzu ein Beispiel aus der Werbung nennen: Wir entscheiden uns für ein Produkt, weil die Werbung uns zum Lachen gebracht hat oder der Verkäufer bei der Kaufberatung ausgesprochen höflich war. Hier findet eine Meinungsbildung über unser „Bauchgefühl“ statt, jedoch nicht anhand produkt-relevanter Faktoren.

In Bezug auf emotionalgeladene „Fake News“ die von Menschen weniger sachlich betrachtet werden können, sinken die Ressourcen die Argumente kritisch zu prüfen. Der Einsatz von falschen Nachrichten setzt dabei ganz bewusst auf die Schock- und Propagandawirkung. Die Botschaft selbst versetzt Menschen nicht selten in ein Ohnmachtsgefühl. Sind wir mit Fake News Botschaften öfter konfrontiert, müssen wir mit folgenden Phänomenen rechnen: dem Schlaf-Effekt und dem Wahrheits-Effekt. Beim Schlaf-Effekt lesen wir eine Nachricht und wissen, dass sie falsch ist. Nach einigen Monaten erinnert man sich an die Nachricht, hat allerdings vergessen, dass sie falsch war und hält sie ab einem bestimmten Zeitpunkt für wahr. Der Wahrheits-Effekt hingegen konditioniert uns indem wir eine Fake News so oft lesen, dass wir ab einem bestimmten Zeitpunkt beginnen sie als wahr anzunehmen.

Alle Anstrengungen dieser Desinformationsflut entgegenzuwirken haben bis dato wenig mediale Wirkung, da die Aufklärungsbemühungen von Websites wie Mimikama.at, Hoaxmap.org aber auch etablierte Medien mit der schnellen Verbreitung in den sozialen Netzwerken überfordern. In dieser stark vernetzten Welt zählt Geschwindigkeit ebenso viel wie Glaubwürdigkeit. Die Richtigstellung von falschen Nachrichten dauern meist mehrere Tage oder Wochen und erreichen deutlich weniger Menschen als die gefälschte Nachricht. In den USA verbreitete sich die Meldung, der Papst würde Trump unterstützen, über 880.000 Mal. Die Richtigstellung von snopes.com, eine renommiere Fact-Checking Website, wurde dagegen nur 33.000 Mal geteilt. Wenn die Fake News verbreitet wird und in der Twitter und Facebook Community viele tausend „Likes“ bekommt, erhält die Fantasiegeschichte eine Eigendynamik.

Das Internet und die sozialen Netzwerke sind für viele Menschen der primäre Marktplatz für den Austausch von Informationen geworden. Die etablierten Medien sind zwar weiterhin tonangebend, doch die digitale Revolution verstärkt die Machtverschiebung wodurch Journalisten als die „Gatekeeper“ des öffentlichen Diskurses den sozialen Netzwerken weichen müssen. Verstärkt wird dies besonders durch die geringe Zahlungsbereitschaft für qualitativ hochwertigen Journalismus, während zugleich große Teile der Werbeerlöse, aus denen sich Redaktionen zu einem großen Teil finanzieren, überwiegend in die Kassen von Google und Facebook wandern.

Das Thema Fake News ist ein Spiel mit unseren Ängsten und je größer der Nährboden umso größer die Tendenz zu Manipulationsversuchen. Als Mittel der Meinungsmanipulation kann die Verbreitung von Fake News die weitere Entwicklung westlicher Demokratien bedrohen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden.

 

Literatur

http://diepresse.com/home/ausland/aussenpolitik/5155253/Wenn-falsche-Schlagzeilen-echte-Folgen-haben_Fake-News-als#

http://orf.at/stories/2369803/2369805/

http://derstandard.at/2000048998649/Wie-Pizzagate-in-Washington-ploetzlich-real-wurde

http://www.watson.ch/Digital/International/860971887-Diese-sieben-Fake-News-besch%C3%A4ftigten-uns-dieses-Jahr

https://www.nzz.ch/feuilleton/medien/bullshit-verdraengt-journalismus-am-ende-des-aufklaerungszeitalters-ld.119758

http://www.br.de/br-fernsehen/sendungen/sehen-statt-hoeren/fake-news-erkennen-100.html

http://www.mimikama.at/allgemein/trump-hat-er-das-wirklich-gesagt/

http://www.redpillberlin.de/2016/12/04/warum-unsere-kultur-die-rote-pille-braucht/

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-11/fake-news-deutschland-geruechte-hoaxmap

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